Mein Insellockdownprojekt

Man wird es mir nie glauben, wenn ich meinem Umfeld irgendwann mal beichte, dass ich an einem Punkt auf meiner Reise angelangt bin, an dem ich mir eingestehen musste, dass ich nicht mehr klettern will. Ich! Im vorherigen Leben vielleicht als Bergziege geboren, stehe nun wieder an einer Wand, schaue mir die Linien an und anstelle von Vorfreude stehlen sich mir ganz komische Gedanken in den Kopf; Schon wieder 35m rauf? Wieso kann das nicht kürzer sein! Die Crux sehe ich von unten, aber es graut mir wieder vor dem möglichen Sturz.
Dann bemerke ich wieder all die kleinen schmerzenden Stellen am Körper, die mich als Sportkletterfanatiker schon immer geplagt haben, nur eben, jetzt werde ich dessen erst richtig bewusst. Mit 35 Jahren ist man eigentlich nicht alt, aber ich fühle mich langsam so.
Es kommt wie es kommen muss, ich klettere mit zuviel Kraft, ermüde viel zu schnell, der Kopf ist nicht bei der Sache, ich greife zu tief, will den Boulderzug horizontal zur Seite viel zu schnell durchziehen und fliege ins nichts.

Während ich von meiner Partnerin runtergelassen werde, beobachte ich die Ziege gegenüber am Felsen. Mein Seelenverwandter. Sogar meine Freundin sagt mir immer, wir hätten viel gemeinsam, die Ziege und ich. Das klettern, denke ich, nicht der depperte Ausdruck in den Augen, wenn sie dich anschauen. Oder die gewaltigen Flatulenzen, die aus dem nichts die Ruhe der Bergwelt erschüttern und dich wie ein Kindskopf kichern lassen. Ich kenne meine Freundin sehr gut, ich weiss was Sie denkt.
Sie scheint zu lächeln, das Biest (Die Ziege, die Ziege!). Ich blöcke in meinem ziegisch als Antwort zurück. Das tut nach dieser Schlappe irgendwie gut. Die Ziege hört auf zu kauen und meine Freundin lacht. Wir klettern danach noch ein paar einfachere Routen, packen zusammen und machen uns auf den Weg zum Auto. «Ich möchte mal wieder was anderes machen als klettern», rutscht es mir raus. Die Antwort folgt postwendend: »Was denn? Auf dieser Insel kannst Du nur klettern oder wandern». Wandern… das gehört zum Zustieg dazu, aber einfach so mal wandern? Ohne klettern? Das soll Spass machen? Meine Freundin verdreht die Augen und belehrt mich darüber, wie wir vor dieser Reise jedes Wochenende irgendwo hingewandert sind. Das stimmt schon, aber mir fehlt da irgendwie die Herausforderung. Dann lieber wieder bouldern. Aber wie? Auf einer Insel mit tausenden Kletterrouten muss doch was zu finden sein. Eine Matte haben wir nicht dabei, aber das ist doch sicher auch irgendwo, irgendwie zu bekommen.

Ich frage mich also durch Foren, frage die örtlichen Kletterer, sogar Facebook wird wieder nützlich! Fehlanzeige. Einige Felsen, keine Beschreibungen. Alle gehen auf die Nachbarinsel Kos, da hat es genug für den «Weichspühlkram», wie mir ein Engländer mit einem Lächeln vermittelt. Ja, richtig gehört! Es fühlt sich ein bisschen wie ein Tabubruch an, auf DER Kletterinsel dieses Planeten nach Bouldermöglichkeiten zu fragen. Aber falls ich doch was finden sollte, so der allgemeine Tenor, soll ich doch informieren. Zum Engländer sage ich, dass ich Ihn gerne über den «Weichspühlkram» informieren werde, aber frage Ihn auch, was Er als «Phallusförmigerfelsliebhaber» (Er klettert meistens in den Tufa Höhlen an riesigen Tropfsteinformationen) mit den Infos anfangen will? Ich gebe zu, mein Englisch ist durchschnittlich, es brauchte drei Anläufe bis alle kapierten was ich da sagen wollte, aber das Lachen der Leute bestätigte, dass ich es hinbekommen habe. «You’ll never f** know mate». Noch einen Kaffee zum Mitnehmen, dann brechen die wenigen die hier sind auf, um an die Felsen zu kommen. Wir übrigens auch. Gibt ja nicht gescheites zu tun hier. Ausser vielleicht wandern. Um die Ziege an dieser Stelle zu rezitieren: Pfffffffffff…!

Eine Woche später. Wir sind auf einmal stolzer Besitzer einer Bouldermatte. Sogar im Jeep hat sie noch ein Plätzchen gefunden. Aber eng ist es geworden, keine Frage. Der kleine süsse Strassenhund, den meine Freundin unbedingt mitnehmen will, hat jetzt leider keinen Platz mehr. Was für ein Pech aber auch, denke ich mir so. Aber man muss Prioritäten setzen. Leider komme ich nicht so einfach aus dieser Situation raus, denn meine Freundin möchte die Matte auf das Dach verfrachten. Ich erkläre Ihr, dass dies nicht möglich ist wegen dem Dachzelt, der Höhe, den kurzen Spangurten,… alles erzähle ich Ihr, nur um nicht immer das unförmige Ding rauf und runter zu packen. Das Thema ist bis heute noch nicht durch. Stelle dich nie zwischen einen kleinen süssen Hund mit grossen traurigen Augen und deiner Freundin… du verlierst. Auch nach 18 Jahren Beziehung. Du hast keine Chance. Mal schauen wie es sich noch entwickeln wird. Vielleicht darf dann der Hund mit und ich bleibe hier. Man(n) weiss nie.

Hast Du schon einmal versucht, Boulderrouten in der Natur einzurichten? Ich noch nie. Ich bouldere als Training für das Klettern zu 99% in der Halle. Draussen war ich ein paarmal unterwegs mit Freunden, aber es hat nie wirklich gefunkt zwischen mir und dem kraxeln auf absprunghöhe. Auf jeden Fall nicht draussen. Sportklettern und MSL haben mich immer mehr gereizt. Keine Ahnung wieso. Vielleicht deshalb, weil ich im Sport immer gerne in Bewegung bin. Das bouldern am Felsen kommt für mich vielfach dem rumlungern gleich. Das kann Spass machen, aber auf Dauer gesehen fehlt mir die permanente Bewegung, wie halt dies beim Sportklettern schon eher der Fall ist.
Also, kurz gesagt, ich weiss nicht wie man so etwas angeht. Aber es kann doch nicht so schwer sein, einen Felsklotz zu finden, den man mit möglichst coolen, Bänderzerreisenden Bewegungen erklimmen kann. Oder?

Das Problem auf Kalymnos ist die Felsqualität der Felsbrocken. Vielfach sind diese fragil und sehr scharf. Und als übereifriger Boulderer, der ich bin, gehe ich zu Anfang die ganze Sache völlig falsch an. Eben wie ein Boulderer.
Das heisst, ich versuche, eine gerade erst entdeckte Linie vom Sitzstart zu bouldern. Entweder mache ich den Abflug auf die harte Matte, zusammen mit Gesteinsbrocken in der Grösse von meinem Kopf, ODER aber ich zerschneide mir meine Hose, Shirt, Finger, Oberer Fersenabschnitt, Knöchel, arme, Brust weil ohne Shirt (Hey, es ist manchmal mehr als 20 c°, aus der Musikbox dröhnt «I play my kazoo von Grand Analog»… ausserdem ist das Shirt bereits zerrissen, also was solls), etc… Dafür lächle ich wieder viel mehr! Am Abend schaue ich die Schnitte und Blutergüsse unter der Dusche an, fühle mich irgendwie viel männlicher, weil die Brustmuskeln stärker als sonst heraustreten (an die weiblichen Leser hier: das ist so ein Männerding. Das könnt ihr nicht verstehen. Meine Freundin versteht es nicht und wirft mir sogar vor, ich sei zu selbstverliebt und eingebildet… Einen klaren Minuspunkt mehr für den kleinen Hund, der jetzt sicher keinen Platz mehr im Auto findet).
Nach eher dürftigem Erfolg in diversen potenziellen Gebieten, finden wir endlich einen Inselabschnitt, der vielversprechend ist. Die Blöcke sind mir vor einiger Zeit bei einem Kletterausflug aufgefallen. Das Beste daran ist, sie befinden sich direkt in Strand nähe. Das nicht so tolle daran ist, dass man ca. 30 Minuten laufen muss. Geht ja fast wieder Richtung wandern. Was solls, Matte auf den Rücken und runter zum Strand!

Wie geht das jetzt mit dem Erstellen einer Boulderroute? Das Problem dabei ist, meiner Meinung nach, dass man die Routen so gestaltet, das sie für einem selbst machbar sind. Das heisst, wenn ich die erstellte Route nach gefühlten 10x probieren gerade so hinbekomme, wird dies mein maximales Level sein, das ich normalerweise beim bouldern erreiche. Ein weiteres Problem ist, das meine Freundin ganz anders bouldert als ich. Ich mag es eher dynamisch, mit langen Zügen, Dynamos… halt das zeugs, das das Kind im Manne erwachen lässt. Sie mag es eher technisch oder plattig, mit möglichst vielen kleinen zügen. Halt all die Sachen, in denen man sich wie eine Tänzerin Stundenlang hin und her bewegen kann. Ihr wisst was ich meine, oder? Explosiv und dramatisch bei mir, langsam und langweilig bei Ihr. Ich weiss, dass Ihr das kennt und mir jetzt insgeheim zunickt.

Wir verbringen die Tage mit ausprobieren, Felsblöcke reinigen, tote Ziegen wegräumen (von denen eine bereits mumifizierte ist! Der Engländer hat den einen Block danach «Death Goat Boulder» getauft), Absprungzonen begradigen usw.
Entstanden sind schlussendlich 18 coole Routen von Anfänger bis Expertenlevel. 16 Routen konnte ich bis anhin lösen, die anderen zwei überlasse ich den richtigen Profis. Ausserdem ist eine der Routen genau da, wo eine der toten Ziegen gelegen hat. Nicht die Mumifizierte, die andere. Ich kann nicht bouldern wenn da vorher ein Seelenverwandter gelegen hat. Ausserdem roch es ab und zu immer noch ziemlich streng, darum habe ich den Block eher ruhen lassen.

Ein wirklich lustiges Projekt bei dem es nie langweilig wurde. Einmal kam aus dem nichts ein Gewittersturm in die kleine Bucht hinein und wir sind in eine Höhle geflohen, um vor dem Sintflutartigen Regen Schutz zu suchen. Wir und ca. 5 Ziegen mit Babyziegen hatten die gleiche Idee. Man rückte bei diesem Wetter halt zusammen, egal ob Mensch oder Tier. Meine Freundin möchte neuerdings Ziegen für den Garten zuhause. Diese würden mich beim Rasenmähen entlasten, behauptet Sie. Wieder so eine super Idee. Ein Jahr zuvor waren es Alpakas, danach Schafe, jetzt Ziegen! Was kommt danach? Einhörner?
Zugegeben, so wie die kleinen Ziegen dich mit diesem Blick anschauen und immer wieder mal aus der Höhle raus und rein springen, macht es schon spass und auch ich kann mir das Lächeln nicht verkneifen. Eine richtige kleine Goat Gang!

Zwischendurch wird wieder geklettert. Sogar mein Ehrgeiz ist wieder zurückgekehrt. Ich versuchte mich einmal in einer 8c+, scheiterte aber im Dach der Höhle. Völlig über meinem Limit, aber ich wollte es einfach ausprobieren. Das Bild davon sendete ich meiner Oma mit dem Vermerk: «8c+… vielleicht im nächsten Leben». 30 Minuten später wollte meine aufgebrachte Mutter am Telefon wissen, was ich da meiner Grossmutter für einen Schwachsinn geschrieben habe. Sie behauptete irgendwas, wir sehen uns im nächsten Leben oder so. Natürlich musste ich wieder einmal über meine Oma lachen… und Ihr erklären, dass ich doch nicht sooo schlecht geklettert sei und dass ich wegen diesem Misserfolg keine Todesgedanken hatte. Man muss Sie einfach gernhaben. Vor allem seit sie Whatsapp hat.

Allen Boulderern, Kletterenthusiasten und Ziegenfans weiterhin eine gute Zeit!
Grüsse aus Griechenland in die schöne Schweiz.